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Im Januar 1976 war viel los auf Deutschlands Straßen. Nicht nur Autos, sondern vor allem viele Kamerateams und Reporter hielten Ausschau nach Autofahrern und fragten diese nach Bequemlichkeit im Auto, ob sie nicht etwas vergessen hätten oder wo es drückt. „Warum noch ohne?“ oder „Na, wie ist es so mit ihm?“ waren wohl die häufigsten Fragen, mit denen die Autofahrer konfrontiert wurden. Wovon damals die Rede war? Es ging um den Sicherheitsgurt im Auto, den man seit Einführung der Gurtpflicht nun als braver Bürger anlegen musste.

Die allgemeine Anschnallpflicht galt ab 1. Januar 1976 für die vorderen Plätze im Auto und das gesamte Jahr vorher wurde die Gurtpflicht heiß diskutiert. Dies ist nun über 40 Jahre her und die Autofahrer sind zu 95 % angeschnallt. Interessanterweise war es nicht die Anschnallpflicht, sondern eine andere Verordnung, die die Gurtmuffel überzeugte. Welche das war, wann man sich anschnallen muss und welche Ausnahmen von der Gurtpflicht es gibt, lesen Sie im Folgenden.

Geschichte der Gurtpflicht im Auto

Den allerersten Sicherheitsgurt in einem Auto finden wir im Baker Torpedo. Das war ein Geschwindigkeitsrekordwagen, der im Mai 1902 in eine Menschenmenge raste. Durch die Sicherheitsgurte blieben bei dem Unfall aber beide Insassen unverletzt. Im Flugzeug waren Beckengurte schon vor den 1950er Jahren bekannt und wurden standardmäßig eingebaut. In den USA wurden schon 1948 auf allen vier Autositzen im Tucker ’48 Zweipunkt-Sicherheitsgurte eingesetzt. Diese waren aber nicht wirklich sicher und setzten sich nicht durch. Erst im Jahr 1959 erhielt der Dreipunkt- Sicherheitsgurt vom Volvo-Ingenieur Nils Ivar Bohlin ein Patent. Im Jahr 1961 hatten in Schweden schon 77% der neu zugelassenen Autos diese Sicherheitsgurte. Auch in den USA wurden seit 1966 Sicherheitsgurte in allen Neuwagen vorgeschrieben.

Der Sicherheitsgurt in Deutschland

Auch in Deutschland kam man natürlich nicht um den Sicherheitsgurt herum. Allerdings lief hier die Entwicklung etwas verzögert ab. Becken-, Schulter- und später dann die Dreipunkt-Sicherheitsgurte wurden nur auf Wunsch in manche Fahrzeugmodelle eingebaut. Erst im Jahr 1974 kam die gesetzliche Regelung, dass alle Fahrzeuge mit modernen Sicherheitsgurten ausgeliefert werden müssen. Üblich war bis dato die Ausstattung mit statischen Gurten, die recht unpraktisch in der Handhabung waren. Zur Einführung der Gurtpflicht im Jahr 1976 waren aber immerhin schon ein Fünftel der Fahrzeuge auf deutschen Straßen mit Dreipunktgurten ausgerüstet.

geöffneter Sicherheitsgurt

© Kaesler Media/Fotolia

Nur angelegt hat diese Gurte kaum jemand. Selbst mit der modernen Aufrollautomatik, welche die Handhabung mit einer Hand erlaubte und das Anschnallen zu einer ganz leichten Angelegenheit machte, verweigerten die deutschen Autofahrer sich weiterhin. Angst davor, bei einem Brand nicht rechtzeitig aus dem Fahrzeug zu kommen oder bei einem Unfall durch den Gurt selbst verletzt zu werden, waren unter anderem Gründe für diese Verweigerung. Die eigentliche Funktion des Schutzes bei Unfällen durch den Gurt kam in den Köpfen der Menschen nicht an.

So war es auch nicht verwunderlich, dass auch nach Einführung der Gurtpflicht nur die Wenigsten dieser auch nachkamen. Die Anarchie der Siebziger machte auch vor dem Straßenverkehr nicht halt. Auch juristisch gesehen war die Anschnallpflicht umstritten. Darf man einen Bürger dazu zwingen, etwas für seinen Schutz zu tun? Viele Menschen sahen diese Pflicht als einen Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte. Erst die Einführung von Bußgeldern bei Verstoß gegen die Anschnallpflicht im Jahre 1984 führte dazu, dass die Anschnallquote sogar explosionsartig zunahm. Heute liegt die Rate der angeschnallten Autofahrer und Mitfahrer bei über 95 Prozent. Es ist zur Gewohnheit geworden und neue elektronische Systeme erinnern die Autofahrer mit unüberhörbaren Warntönen daran.

Anschnallen im Auto – Für wen gilt die Gurtpflicht?

Die Pflicht, einen Sicherheitsgurt anzulegen, galt zunächst nur für den Fahrer des Fahrzeugs. Im Jahr 1979 änderte sich dies aber und es galt für alle Fahrzeuginsassen. Doch für wen und welche Fahrzeuge gilt die Anschnallpflicht eigentlich? Muss ich mich auch im Taxi anschnallen? Gibt es Ausnahmen für Schwangere? Was kostet es mich, wenn ich nicht angeschnallt fahre? Diesen Fragen widmen wir uns nun in den folgenden Abschnitten.

Anschnallpflicht für Kinder

In der Gurtpflicht in Deutschland sind Kinder eindeutig miteingeschlossen. Zusätzlich besteht sogar noch die Kindersitzpflicht bis zu einer Größe von 1,50 Meter bzw. einem Alter bis zum vollendeten 12. Lebensjahr. Wo im Auto Sie Ihre Kinder transportieren, ist Ihnen selbst überlassen. Allerdings sollten sie auf allen Plätzen im Auto natürlich angeschnallt sein und weitere Sicherheitsvorkehrungen wie die Kindersicherung, wenn das Kind an einer Tür sitzt oder der richtige Gebrauch der Kindersitze, beachtet werden.

Gurtpflicht für Schwangere

Gerade Schwangere fragen sich oft, ob im Falle eines Unfalles der Sicherheitsgurt ihrem Ungeborenen Schaden zufügen kann. Manche verzichten deswegen sogar auf das Anlegen des Gurtes. Der TÜV Nord hat sich dazu eindeutig geäußert und die Bedenken für unbegründet erklärt. Im Gegenteil besteht die größere Gefahr darin, bei einem Unfall ungebremst zum Beispiel auf das Lenkrad zu knallen, als darin, durch den Gurt in irgendeiner Art und Weise dem ungeborenen Kind Schaden zuzufügen. Es besteht also auch für Schwangere eine Anschnallpflicht im Auto.

Anschnallpflicht für Taxifahrer

Auch Taxifahrer und Mietwagenfahrer müssen seit dem 30. Oktober 2014 wieder mit einem Bußgeld rechnen, wenn sie nicht angeschnallt fahren. Warum wieder? In den 1970er Jahren wurden Sie wegen hoher Kriminalität und vielen Überfällen, vor allem auf Taxifahrer, zum Zwecke der schnellen Fluchtmöglichkeit von der Gurtpflicht befreit. Mit der Begründung, dass in der heutigen Zeit wesentlich größere Gefahr durch Verkehrsunfälle als durch Kriminalität bestünde, änderte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur das Gesetz wieder.

Haustiere im Auto anschnallen

© Kara/Fotolia

Müssen Haustiere angeschnallt werden?

Für Haustiere, also auch unsere Hunde und Katzen, gilt keine gesetzliche Anschnallpflicht in Kraftfahrzeugen. Sie gelten als Ladung, wenn sie in einem Kraftfahrzeug mitgeführt werden und müssen also wie eine solche gesichert und/oder verstaut werden. In § 22 der StVO zur Ladungssicherung wird das folgendermaßen geregelt:

Die Ladung einschließlich Geräte zur Ladungssicherung sowie Ladeeinrichtungen sind so zu verstauen und zu sichern, dass sie selbst bei Vollbremsung oder plötzlicher Ausweichbewegung nicht verrutschen, umfallen, hin- und herrollen, herabfallen oder vermeidbaren Lärm erzeugen können.“

Gurtpflicht im Bus

In manchen Bussen befinden sich Sicherheitsgurte, in anderen nicht.  Bei Reisebussen ist dies mit einer Regelung in der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) begründet. Seit dem 1. Oktober 1999 müssen sich in Reisebussen Sicherheitsgurte befinden und die Mitfahrer sich anschnallen. Busse mit einer Zulassung vor diesem Datum sind davon ausgeschlossen. Gibt es also keine Gurte, können Sie sicher sein, dass Ihr Reisebus schon richtig alt ist. Sind Gurte vorhanden, können Sie also grundsätzlich davon ausgehen, dass Sie sich anschnallen müssen. Bei Linienbussen wiederum gilt dies nicht, denn sie gehören zu den Kraftomnibussen, in denen stehende Fahrgäste zugelassen sind. Dies beinhaltet, dass auch bei angebrachten Gurten die gesamte Fahrt über keine Anschnallpflicht besteht.  Dies ist eine der Ausnahmen von der Gurtpflicht.

Fahren ohne Sicherheitsgurt – Die Bußgelder

Wie schon erläutert, wurden die Deutschen erst mit Einführung der Bußgelder bei Verstoß gegen die Gurtpflicht von dieser richtig überzeugt und hielten sich daran. 40 D-Mark war es ihnen dann doch nicht wert. Auch heute wird der Verstoß gegen die Gurtpflicht geahndet. Verwarngelder, Bußgelder und sogar ein Punkt im Fahreignungsregister (FAER), der berühmte Punkt in Flensburg, können auf den Anschnallverweigerer oder einen äußerst vergesslichen Kraftfahrer oder -mitfahrer zukommen.

Verstoß gegen die Gurtpflicht Verwarngeld in Euro Bußgeld in Euro Punkte
Sicherheitsgurt während der Fahrt nicht angelegt 30,00
Kind nicht vorschriftsmäßig gesichert 30,00
Bei mehreren Kindern 35,00
Kind komplett ohne Sicherung transportiert 60,00 1
Bei mehreren Kindern 70,00 1

 

Ausnahmen von der Gurtpflicht

Was viele vielleicht nicht wissen ist, dass es tatsächlich Ausnahmen von der Gurtpflicht gibt. Dies ist in der Straßenverkehrsordnung im § 21a Absatz 1 und 2 StVO geregelt. Demnach gilt eine Anschnallpflicht nicht für:

  • Personen beim Haus-zu-Haus-Verkehr. Das heißt, für Personen, die in einem Leistungs- oder Auslieferungsbezirk regelmäßig in kurzen Abständen das Fahrzeug verlassen müssen. Sicher haben Sie schon die UPS-Fahrer oder vergleichbare Lieferdienste dabei beobachtet, dass diese sich nicht anschnallen.
  • Fahrten in Schrittgeschwindigkeit (Rückwärtsfahren, Fahrten auf Parkplätzen)
  • Fahrten in Omnibussen, bei denen Fahren im Stehen zugelassen ist (Busse im Stadtverkehr zum Beispiel)
  • Betriebspersonal in Kraftomnibussen und Begleitpersonal besonders betreuungsbedürftiger Personengruppen, allerdings nur in den Situationen, in denen den hilfsbedürftigen Personen beim Verlassen des Sitzplatzes geholfen wird (eine Möglichkeit ist hier das Begleiten der Person zur Toilette in einem Fernbus)
  • Fahrgäste in Kraftomnibussen mit einer zulässigen Gesamtmasse von mehr als 3,5 Tonnen beim kurzzeitigen Verlassen des Sitzplatzes (eben jener eigenständige Gang zur Toilette in einem Fernbus beispielsweise)

Außerdem ist in §21a Absatz 2 StVO eine Befreiung von der Gurtpflicht für Personen, die diese aus gesundheitlichen Gründen nicht anlegen können oder dürfen und für Personen mit einer Körpergröße unter 1,50 Meter geregelt. Befreiungen aus diesen Gründen müssen durch ein Antragsverfahren genehmigt und bescheinigt werden.

Warum ist es so wichtig, einen Sicherheitsgurt anzulegen?

Denken Sie immer daran: Selbst bei niedrigen Geschwindigkeiten ist die Gefahr der Verletzung bei einem Unfall groß. Erhöhen Sie Ihr Risiko nicht unnötig, indem Sie auf das Anschnallen verzichten.